DIE POLITISCHE SEITE[1]
Januar 2005
Der folgende Beitrag stammt von Dr. Eberhard Troeger, Wiehl (NRW), einem ausgewiesenem Kenner des Islam und der islamischen Welt.[2], [3]
Dieser Artikel wurde als Vortrag gehalten auf dem 7. Europäischen Bekenntniskongress vom 13. – 15.10.04 in Freudenstadt. Er wurde etwas bearbeitet und durch die Gebetsanregungen erweitert. Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus DIAKRISIS, Februar 2005, der Zeitschrift des Theologischen Konvents bekennender Gemeinschaften.
Der Griff des Islam nach Europa
INFORAMATON
Vorbemerkungen
1. Bei der Beschäftigung mit dem „Griff des Islam nach Europa“ dürfen wir nicht übersehen: Der Islam hat ein Programm für Europa, und zwar nicht nur ein religiöses, sondern auch ein gesellschaftspolitisches und wirtschaftliches Programm. Die Europäer haben weitgehend noch nicht verstanden, dass der Islam eine umfassende, fast totalitär zu nennende Lebensordnung ist. In diesem Sinne definierte der Islamrat für Europa 1980 in London in einer Erklärung den Islam folgendermaßen: „Der Islam ist ein Glaube, eine Lebensweise und eine Bewegung zur Aufrichtung der islamischen Ordnung in der Welt.“[4]. Hier wird klar ausgedrückt, dass der Griff des Islam nach Europa nicht nur religiös, sondern auch politisch zu verstehen ist.
2. Wer ist Träger des „Griffs nach Europa“? Der Islamrat für Europa spricht von einer „Bewegung“, und das trifft die Sache recht gut. Der Islam ist keine Supraorganisation, vergleichbar etwa mit der römisch-katholischen Kirche. Nur unter den ersten vier Kalifen war der Islam ein einheitlicher religiös-staatlicher Herrschaftsraum, für den man auch den Ausdruck „Haus des Islam“ verwendete. Im Laufe der Geschichte hat sich der Islam aber in eine Fülle unterschiedlich geprägter politischer Herrschaften, religiöser Sekten, theologischer und juristischer Institutionen und bruderschaftlich organisierter Basis-Bewegungen aufgesplittert. Die werbemäßigen Aktivitäten gingen meistens vom nichtstaatlichen Islam aus. Das waren erstens die jeweiligen oppositionellen Gruppen, z.B. die schiitischen Absplitterungen; es waren zweitens die Bruderschaften, die zunächst ein religiöses Anliegen hatten, dann aber teilweise politisiert wurden. Inzwischen wurden auch moderne Organisationsformen übernommen. Weltweit werden Vereine, Verbände, Konferenzen usw. gegründet. Es sind vor allem die nichtstaatlichen Organisationen, die Träger der islamischen Expansion sind. Es gibt aber einige wichtige Ausnahmen: Der iranische Staatsislam, der auf dem sogen. Zwölfer-Schiismus basiert, und der staatliche Wahhabismus in Saudi-Arabien setzen sich weltweit mit viel Geld für die Ausbreitung des Islam ein. Auf der politischen Bühne geht zunehmender Einfluss von der Islamic Conference Organisation (OIC) aus, dem politischen Zusammenschluss der islamischen geprägten Staaten. Die OIC ist jedoch ein schwerfälliges Gebilde, während die nichtstaatlichen Organisationen sehr mobil agieren. Im Sinne des am Anfang Gesagten haben aber auch die nichtstaatlichen Organisationen eine politische Agenda.
1. Der Griff nach Europa ist ein genuin islamisches Anliegen
Es ist verkehrt zu meinen, dass nur der moderne Islamismus ein islamisches Europa wolle. Das Ziel eines islamischen Europa basiert vielmehr auf dem Koran, nach dem der Islam die wahre Religion für alle Menschen ist. Bereits der Koran lädt auch Christen und Juden und natürlich alle sogen. Heiden ein, Muslime zu werden. Am Überlegenheitsanspruch des Islam gibt es in keiner islamischen Richtung einen Zweifel. Der moralisch dekadente Zustand Europas nährt diesen Anspruch. Für viele Muslime ist Europa ins Heidentum zurückgefallen, und deshalb wird der Islam als Lösung für die Probleme Europas angesehen.
In diesem Zusammenhang sind die koranischen Konzepte von Dau°wa und Djihâd zu nennen. Dau°wa ist die Einladung, den Islam anzunehmen, und als solche ist sie ein Teil des Djihâd, d.h. des Einsatzes für Allah. Der Djihâd ist umfassend und meint sowohl den Einsatz für den Islam als Allah-Verehrung als auch für den Islam als öffentlich-politische Ordnung: Menschen, die den Islam nicht freiwillig annehmen, können und sollen durch wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Druck dazu bewegt werden. Ziel des Djihâd ist es, politische Verhältnisse zu schaffen, in denen nichts mehr dem Islam entgegensteht. Früher eroberte man mit dieser Begründung riesige Gebiete - auch in Europa. Heute ist man sich darüber im klaren, dass eine militärische Eroberung Europas keine Option ist, aber man sieht eine Fülle anderer Mittel, dasselbe Ziel zu erreichen (s.u.).
Das Ziel ist also eindeutig, aber die Begründungen, die Erwartungen und die Methoden können bei den einzelnen muslimischen Gruppen sehr unterschiedlich sein. Ich will sie kurz skizzieren:
a. Im ‚frommen Islam’ geht man davon aus, dass Allah selbst Europa zum Islam bekehren werde, wenn und wann er es will, und dass es den Menschen nicht zustehe, das zu bewerkstelligen. Es ist dieser quietistische Islam, der die ganze Geschichte des Islam begleitet hat und der auch heute viele Muslime prägt. Er wird aus den mekkanischen Korantexten gespeist, aber auch aus vielen negativen Erfahrungen, da der Islam im Laufe seiner Geschichte bis heute von vielen Machthabern für ihre eigenen Belange missbraucht worden ist.
b. Die entgegengesetzte Richtung ist der aktivistische Islam, der sich von den kämpferischen medinensischen Texten des Koran zu Dau°wa und Djihâd inspirieren lässt. Er wurde oft durch Angriffe auf den Islam provoziert, z.B. durch die Kreuzzüge, durch die Vertreibung der Muslime aus Spanien, durch den Kolonialismus, durch die christliche Mission, durch den Kommunismus, durch die Verbreitung liberaler und dekadenter westlicher Kultur und nicht zuletzt durch die Existenz Israels im Herzen der arabischen Welt. Seit über 100 Jahren ist dieser Islam auf dem Vormarsch und prägt heute das Erscheinungsbild des Islam.
c. Es ist nötig zu sehen, dass der islamische Aktionismus bzw. der sogen. Islamismus der Gegenwart viele Gesichter hat. Zwei möchte ich skizzieren. Erstens gibt es Islamisten, die grundsätzlich der Meinung sind, dass alle Aktion von der islamischen Gemeinschaft und ihrer Leitung, d.h. möglichst vom islamischen Staat, ausgehen müsse. Dieser Islamismus ist gekennzeichnet durch langfristige Ziele und einen langen Atem: Seine bevorzugten Mittel sind friedliche Werbung für den Islam, Durchdringung der Gesellschaft, wirtschaftliche Maßnahmen und politische Lobbybildung. Die andere Variante des Islamismus nimmt ein Eigenrecht zum Handeln für sich in Anspruch, d.h. ein Kämpfen für den Islam unabhängig vom islamischen Staat. Man wirft den muslimischen Staaten und ihren Führern, aber auch den moderaten Gruppen und Verbänden Feigheit, Anbiederung an den Westen aus Eigennutz und damit Korruption vor. Diese radikalen Islamisten kämpfen also einen Zweifrontenkampf, einerseits gegen den aus ihrer Sicht korrupten Islam und andererseits gegen die Feinde des Islam. Vorbild ist ihnen – und das nicht zu Unrecht - Muhammad, der in Medina nach innen gegen die sogen. „Heuchler“ und nach außen gegen die Gottlosen in Mekka kämpfte. Die Methoden dieser radikalen Islamisten sind Revolution und Terror, und sie begründen das damit, dass ihnen als kleiner Minderheit keine andere Wahl bleibt. Sie wollen also die Herrschaft in einem Land durch gewaltsamen Umsturz erreichen, oder, wo das nicht möglich ist, ein Land durch Terror einschüchtern und erschüttern.
d. In Europa agieren bis jetzt vor allem die friedlichen Aktivisten, aber die radikalen Islamisten sind präsent und jederzeit zum Zuschlagen bereit, wie die Terrorakte in Spanien gezeigt haben.
2. Die Ziele und Methoden von Dau°wa und Djihâd in Europa
Diese Meinung wird in vielen Broschüren und Büchern auf den Markt gebracht. Man nützt Dialoge, Fernsehinterviews und Talkshows für die Dau°wa. Islamische Radio- und Fernsehsender verbreiten diesen Islam, und man kämpft um Sendezeit in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten.
Es ist klar, dass das Ringen des Islam um Islamisierung der europäischen Gesellschaften ein harter Kampf sein wird. Wir sind mitten in ihm drin, und er wird vermutlich Europa das ganze 21. Jahrhundert hindurch in Atem halten. Muslime überziehen unsere Gerichte mit einer Fülle von Gerichtsverfahren und haben bereits manche juristische Schlacht gewonnen. Dabei argumentieren sie mit der Religionsfreiheit und nutzen die liberale Ordnung für ihre eigene Belange aus. Im Grunde wird die liberale Ordnung benutzt, um diese langfristig abzuschaffen.[7] Manche Kenner sehen den Kampf schon als für das freiheitliche und christlich geprägte Europa verloren an. Es wird darauf ankommen, ob sich Europas nichtmuslimische Eliten der Geschichte Europas und seiner Werte besinnen und den geistigen, geistlichen und juristischen Abwehrkampf aufnehmen. Die Nichtmuslime dürfen sich nicht länger von den muslimischen Lippenbekenntnissen zu den europäischen Verfassungen täuschen lassen. Die in Europa lebenden muslimischen Intellektuellen haben längst begriffen, dass jede Verfassung sich mit entsprechenden Mehrheiten ändern lässt.
3. Wird der Islam seine Ziele erreichen?
Prognosen können von Christen nur unter dem Vorbehalt gemacht werden, dass die Zukunft von Gott bestimmt wird und er es ganz anders fügen kann, als wir es ahnen oder befürchten.
HINTERGRÜNDE
4. Ist der Islam ein Bußruf Gottes für Europa ?
§ Diese Frage ist nicht neu, sondern immer wieder gestellt worden, besonders auch von den Reformatoren.[8] Hinter dieser Frage steht die Erkenntnis, dass Gott auch der Herr über den Islam ist und der Islam einen Platz im Geschichts- und im Gerichtshandeln Gottes hat. Er hat es zugelassen, dass die Iberische Halbinsel für fast 500 Jahre überwiegend muslimisch war. Er hat es zugelassen, dass der Balkan ab dem 14. Jahrhundert islamisiert wurde, er hat es aber auch gefügt, dass die Türken 1529 und 1683 vor Wien zurückgeschlagen wurden. Was will Gott mit dieser Geschichte den europäischen Christen sagen? Werden Europäer den Bußruf Gottes hören, der in dieser Geschichte liegt?
§ Ist der neuerliche „Griff des Islam nach Europa“ nicht ein neues Gericht Gottes und damit ein neuer Bußruf an die Europäer, aus ihrer Gottlosigkeit umzukehren? Ist das neue Vordringen des Islam aber nicht auch Gericht und Bußruf für eine Kirche, die den Boden des Evangeliums in vielen Bereichen verlassen hat? Der Synkretismus, die Reduktion der biblischen Botschaft auf das Diesseitig-Soziale und Persönlich-Individuelle, der moralische Zerfall bei Einzelnen und in Familien – all das macht ja vor der Kirche nicht Halt! - Wird die Christenheit, werden die einzelnen Christen umkehren? Nur so wird sich ein Gericht Gottes durch den Islam abwenden lassen!
5. Was ist konkret zu tun?
Dr. Eberhard Troeger, Elsterweg 1, 51674 Wiehl <eberhard-troeger@t-online.de>
GEBET
1. Wir preisen Gott wieder und wieder, dass ER der Lenker der Geschichte und damit auch der Herr über den Islam in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist. ER kann sehr Unvermutetes plötzlich geschehen lassen, was alle Prognosen über den Haufen wirft.
2. Buße über den gegenwärtigen Zustand des europäischen Christentums: seine Theologie, Gemeinde und Mission, über die Kraftlosigkeit in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Wertediskussion, über den Verlust der biblischen Grundlage als den guten Willen Gottes.
3. Bitte um geschulte Politiker und wache Medienleute, um standfeste dialogfähige Bischöfe (wie Wolfgang Huber u.a.), um Richter, die sich durch Drohungen nicht einschüchtern lassen, um Frauenverbände, die für die Rechte der islamischen Frauen eintreten.
4. Lasst uns beten für Träume und Visionen von Jesus, für Wunder und große Heilungen unter Muslimen, damit viele zum Glauben an Jesus kommen.
5. Lasst uns beten für ein Aufwachen der Kirchen, ein christliches Selbstbewusstsein der Gemeinden und ein Ausschöpfen aller Möglichkeiten einer gewinnenden Mission unter Moslem; ebenso für ein strategisches Vorgehen in der Heranbildung von christlicher Elite auf allen Ebenen.
6. Der Kampf um eine christliche europäische Identität hat gerade erst begonnen und ist noch lange nicht verloren. („Europa eine christliche Seele geben“.) Hier spielt das Gebet eine entscheidende Rolle.
Ich
grüße Sie und Euch alle herzlich und wünsche
ein gesegnetes Jahr 2005
Ortwin Schweitzer
[1]
Die „Politische Seite“ ist ein
selbständiger Teil des Gebetsbriefes „Wächterruf“ und muss daher extra bestellt
werden bei Dorothea Best, Wielandstr. 16, 74348 Lauffen; dhbest@web.de.
Die „Politische Seite“ erscheint auch auf meiner Homepage <www.beter-im-aufbruch.de.vu>
[2] Pfr. i.R. Dr. Troeger war 9 Jahre als Missionar in Oberägypten und danach 23 Jahre als Leiter dieser Missionsgesellschaft „Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten“ tätig. Heute ist er noch aktiv im Vorstand des „Instituts für Islamfragen“ der Deutschen Ev. Allianz (DEA).
[3] Der Beitrag von E. Troeger schließt an die beiden Themen der „Politischen Seite“ vom Oktober „Der Beitritt der Türkei“, bzw. vom Dezember „Muslime in Deutschland – Konfrontation oder Integration?“ an.
[4] Universal Islamic Declaration, veröffentlicht am 28.4.1980 in der islamischen Zeitschrift New Horizon in London, deutsche Übersetzung abgedruckt im Materialdienst der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der EKD Nr.7 Stuttgart, 1.7.1980, S. 181-184
[5] vgl. Dazu das Strategiepapier von Khurram Murad, Islamic Movement in the West: Reflection on some Issues, The Islamic Foundation, Leicester 1981
[6] Dieser Grundsatz gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa, in dessen Verfassung es heißt: „Jeder Mensch hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln…“ II-10(1). (d. Red.)
[7] Es ist schon eine Ironie, dass Muslime gerade das instrumentalisieren, was sie weitgehend ablehnen.
[8] Vgl. dazu Andreas Baumann, Der Islam – Gottes Ruf zur Umkehr? Eine vernachlässigte Deutung aus christlicher Sicht, Basel/Gießen 2003